Kapitel 18 · Die Forschungsagenda
Was wir in diesem Kapitel diskutieren: Acht ungelöste Herausforderungen (von der Messvalidierung bis zur Standardisierung herstellerneutraler Nachweisformate) definieren die operative Arbeitslast dieser Kategorie. Jeweils aufgeteilt in aktuellen Stand, Erledigt-Kriterium und Kooperationsformat, bilden sie eine offene Einladung zur Mitgestaltung.
Dein Hebel als Entscheider: Eine Disziplin, die ihre offenen Forschungsfragen dokumentiert, begründet ein ernsthaftes Forschungsprogramm. Pilotpartnerschaften sichern Dir direkten Einfluss auf künftige Standards, statt nur fertige Software einzukaufen. Die acht Herausforderungen dienen zugleich als vertiefende Due-Diligence-Checkliste.
18.1 Agenda statt Roadmap
Eine klassische Software-Roadmap verspricht ambitionierte Features zu festen Terminen; eine wissenschaftliche Agenda benennt unbequeme Fragen, auf die derzeit noch niemand eine endgültige Antwort hat.
Dieses Kapitel entscheidet sich bewusst für den zweiten Weg. Unser methodisches Vorbild stammt erneut aus der Prozesswissenschaft: Das Manifest der Process-Mining-Gemeinschaft aus dem Jahr 2011 benannte elf ungelöste Herausforderungen und verlieh dem damals noch jungen Forschungsfeld genau dadurch seine herausragende Glaubwürdigkeit und Dynamik. Die acht Punkte dieses Kapitels spiegeln die acht Grundsätze unseres eigenen Manifests wider: Jedem strategischen Bekenntnis entspricht eine konkrete operative Baustelle. Wenn Du als Entscheider ernsthaft prüfen möchtest, ob diese neue Kategorie ihre Versprechen in Deiner Organisation einlösen kann, solltest Du den Fortschritt an genau dieser Liste messen.
18.2 Die acht Herausforderungen
H1 · Messvalidierung: Der umfassende Metrikkatalog aus Kapitel 10 ist zwar theoretisch sauber definiert, aber bislang an zu wenigen realen Organisationen empirisch erprobt. Die systematischen Erhebungen in den Praxisfällen A bis D sind zwar fest eingeplant, doch sämtliche branchenspezifischen Basiswerte stehen derzeit noch offen. Der aktuelle Stand beschränkt sich auf die methodische Formulierung der Indikatoren. Das Erledigt-Kriterium gilt erst dann als erfüllt, sobald verlässliche Basiswert-Bänder aus mindestens zehn unterschiedlichen Organisationen publiziert sind. Als wirksames Kooperationsformat bieten sich strukturierte Baseline-Erhebungen mit vollständig anonymisierter Auswertung an.
H2 · Kausalität der zentralen Hypothese: Die Annahme, dass die relationale Entscheidungsqualität unter turbulenten Veränderungen die langfristige Organisationsleistung stärker prägt als die reine operative Prozesseffizienz, ist zwar hochgradig plausibel, aber wissenschaftlich noch unbewiesen. Derzeit existiert diese Kernthese lediglich als gut begründetes Hypothesenmodell mit abgeleiteten Indikatoren. Als Erledigt-Kriterium verlangen wir mindestens eine empirische Längsschnitt- oder Vergleichsstudie mit sauberer Kontrolle möglicher Konfundierungsvariablen. Das ideale Kooperationsformat ist hierbei ein gemeinsames Studiendesign mit einem renommierten universitären Lehrstuhl.
H3 · Extraktionsgüte und Human-in-the-Loop: Bislang fehlt eine systematische, wissenschaftlich publizierte Messung der Frage, wie präzise formale Claims automatisch aus unstrukturierten Texten extrahiert werden und an welchen Schnittstellen die menschliche Prüfung unverzichtbar bleibt. Der aktuelle Stand umfasst wertvolle projektbezogene Erfahrungswerte aus Pilotanwendungen, aber noch keine valide Evaluation. Das Erledigt-Kriterium erfordert die Publikation quantitativer Präzisions- und Vollständigkeitswerte je Quelltyp (z. B. PDF-Handbücher, Wiki-Seiten, ERP-Stammdaten). Als Kooperationsformat dienen manuell annotierte Vergleichskorpora aus realen, anonymisierten Dokumentenbeständen.
H4 · Skalierung der Konsolidierung: Es bleibt empirisch zu zeigen, ob die entwickelte Konflikt-Semantik auch bei sechsstellig gewachsenen Claim-Beständen und Dutzenden heterogenen Quellsystemen stabil funktioniert. Der aktuelle Stand beschränkt sich auf die mittleren Projektgrößen der Praxisfälle A bis D. Das Erledigt-Kriterium fordert den nachgewiesenen, dauerhaften Produktivbetrieb jenseits dieser Größenordnung ohne das Risiko eines organisatorischen Review-Kollapses oder unkontrollierbarer Reben-Konflikte. Das Kooperationsformat besteht in Skalierungspartnerschaften mit komplexen Enterprise-Umgebungen.
H5 · Governance-Muster für Mitbestimmung und Datenschutz: Obwohl die theoretischen Schutzgrundsätze in den Kapiteln 14 und 15 klar formuliert sind, fehlen in der Praxis noch universell einsetzbare Muster-Betriebsvereinbarungen für diese neuartige Systemklasse. Der Stand beschränkt sich auf projektspezifische Absprachen. Als Erledigt-Kriterium gilt eine veröffentlichbare, im täglichen Betrieb erprobte Muster-Vereinbarung, die gemeinsam mit Betriebsräten, Datenschutzbeauftragten und Aufsichtsbehörden erarbeitet wurde. Das Kooperationsformat ist die gemeinsame rechtliche und organisatorische Vorlagenentwicklung mit Pionierunternehmen.
H6 · Standardisierung der Nachweisformate: Nachweise aus dem Wissensbestand müssen herstellerneutral zwischen verschiedenen Software-Implementierungen austauschbar sein; das ist die direkte Konsequenz aus unserem Manifest-Grundsatz und maschinenlesbaren Nachweisstandards wie OSCAL (Kapitel 14). Der Stand zeigt erste eingebrachte Entwürfe in einschlägigen Branchen- und Standardisierungsgremien. Als Erledigt-Kriterium gilt der Nachweis, dass mindestens zwei voneinander unabhängige Software-Implementierungen dasselbe maschinenlesbare Austauschformat vollumfänglich unterstützen. Das Kooperationsformat ist die aktive Mitarbeit in herstellerübergreifenden Standardisierungsgremien.
H7 · Souveränitätseinstufung in der Praxis: Ob und in welcher Form die entwickelte CADA-Stufung Eingang in die Beschaffungsrealität findet, bleibt eine offene Praxisfrage, da sich entsprechende Verordnungsvorschläge und Regularien noch im politischen Verfahren befinden. Der Stand ist reine Beobachtung und Facharbeit. Als Erledigt-Kriterium gilt das Auftauchen von CADA-Stufenreferenzen in offiziellen öffentlichen oder regulierten Ausschreibungen. Das passende Kooperationsformat umfasst kontinuierliche Beobachtungs- und Kommentierungsarbeit in führenden Branchenverbänden.
H8 · Validierung des Reifegradmodells: Die vier Entwicklungsstufen aus Kapitel 12 sind pragmatisch konstruiert, aber noch nicht wissenschaftlich validiert. Der digitale Selbstcheck ist zwar live geschaltet, doch die zugrundeliegende Datenbasis ist noch schmal. Der Stand ist ein Prototyp. Als Erledigt-Kriterium verlangen wir valide Verteilungs- und Verlaufsdaten aus mindestens zehn Organisationen inklusive einer empirischen Inter-Rater-Prüfung der Diagnosefragen. Das Kooperationsformat besteht in der anonymisierten Auswertung von Selbstcheck-Daten.
18.3 Was wir beitragen – und was wir uns wünschen
Der eigene Beitrag der Autoren sowie der aiio GmbH lässt sich präzise beziffern: Wir stellen die erarbeitete Referenzarchitektur dieses Buchs als offene Diskussionsgrundlage bereit, überlassen die entwickelten Metrik-Steckbriefe der freien Nutzung, treiben die Standardisierungsarbeit in den Gremien aktiv voran und bieten die Bereitschaft, anonymisierte Projektdaten für die Herausforderungen H1, H3 und H8 bereitzustellen. Unser Wunsch an Dich und die gesamte Fachcommunity ist ebenso konkret formuliert. Wir suchen ambitionierte Organisationen, die verlässliche Baselines erheben, bevor sie Software einführen; wissenschaftliche Lehrstühle, die Hypothese H2 zu ihrem Forschungsschwerpunkt machen; sowie weitsichtige Wettbewerber, die Herausforderung H6 ernst nehmen und gemeinsam an einem neutralen Austauschformat mitarbeiten. Eine nachhaltige Kategorie entsteht niemals durch ein einzelnes Buch. Sie entsteht erst dann, wenn genügend Akteure die Forschungsagenda dieses Kapitels systematisch abarbeiten, sehr gerne auch mit dem Ziel, einzelne Thesen dieses Buchs empirisch zu widerlegen.
💡 Das haben wir diskutiert
Dieses Kapitel hat Dir eine wissenschaftliche Arbeitsagenda vorgestellt, die acht zentrale Herausforderungen der neuen Kategorie präzise benennt.
Von der empirischen Messvalidierung über die automatische Extraktionsgüte bis hin zu neutralen Nachweisstandards erfordern diese Baustellen die präzise Zusammenarbeit von Praxis und Forschung.
Indem wir eigene Daten und Architekturmodelle teilen, schaffen wir die Grundlage für ein verlässliches Ökosystem, an dem Du Dich aktiv beteiligen kannst.
Wie sich diese gemeinsame Entwicklungsarbeit in den kommenden Jahren entfalten könnte, zeigt die methodische Analyse der künftigen Szenarien im abschließenden Kapitel.
