Glossar
Dieses Glossar fasst jeden Begriff in ein bis zwei Sätzen und verweist auf die kanonische Definitionsbox im Text. Die Box ist maßgeblich; das Glossar dient dem schnellen Nachschlagen. Standards- und Governance-Begriffe erhalten zusätzlich eine Definition für Nicht-Techniker.
Kernbegriffe des Modells
Organizational Intelligence (OI) · Organisationale Intelligenz. Die Fähigkeit einer Organisation, ihr Wissen über sich selbst verfügbar, widerspruchsfrei entscheidbar und unter Veränderung belastbar zu halten. Kanonisch: Definition 5.3; operationale Fassung mit Messindikatoren: Definition 8.1.
Organizational Intelligence System (OIS). Das soziotechnische Organisationssystem aus Menschen, Maschinen und Agenten, Regeln, Prozessen, Governance, Wissensbeständen und Entscheidungen, das die fehlende Schicht trägt: quellenübergreifende Konsolidierung, explizite Konflikt-Semantik und Governance des organisationalen Selbstwissens als Kernaufgabe. Keine Software- oder Werkzeugklasse; Begriff in der Traditionslinie von MIS, DSS und EIS. Realisiert wird ein OIS über die herstellerneutrale Referenzarchitektur (Kapitel 13); die aiio-Plattform ist eine kommerzielle technische Ausprägung dieser Referenzarchitektur (Kapitel 13.4), nicht das System selbst. Prägung in Kapitel 4.1, Kriterien in 4.2.
OI-Leiter. Das sechsstufige Modell dieses Buchs vom rohen Wissensbestand bis zur belegbaren Entscheidungsfähigkeit; Diagramm und Herleitung ausschließlich in Kapitel 5.
Organizational Memory · Organisationales Gedächtnis. Der versionierte, freigegebene und quellenübergreifend konsolidierte Bestand an Aussagen einer Organisation über sich selbst, nicht zu verwechseln mit bloßer Ablage. Kanonisch: Definition 5.1 (nach Walsh/Ungson); operationale Fassung mit vier Ja/Nein-Kriterien: Definition 6.1.
Organizational Self-Understanding · Organisationales Selbstverständnis. Das konsolidierte, entscheidbare Bild einer Organisation von ihren eigenen Prozessen, Rollen und Regeln. Kanonisch: Definition 5.2.
Organizational Capabilities · Organisationale Handlungsmuster. Wiederholbare, in Routinen verankerte Handlungsmuster einer Organisation (nach Teece/Winter). Kanonisch: Definition 5.4; operationale Fassung: Definition 8.2.
Organizational Self-Empowerment · Organisationale Selbstermächtigung. Die Fähigkeit einer Organisation, ihr Selbstwissen ohne dauerhafte externe Hilfe zu pflegen und fortzuschreiben. Kanonisch: Definition 5.5; operationale Fassung: Definition 9.1.
Organizational Resilience · Organisationale Resilienz. Die Fähigkeit, kritische Handlungs- und Auskunftsfähigkeit unter Störung aufrechtzuerhalten oder wiederherzustellen und die eigenen Handlungsmuster aufgrund der Störung anzupassen. Die Wissensinfrastruktur trägt zu beidem bei, ist aber nicht mit organisationaler Resilienz gleichzusetzen (Abgrenzung zur ISO-22316-Fassung in Kapitel 9). Kanonisch: Definition 5.6; operationale Fassung: Definition 9.2.
Die fehlende Schicht. Die laufend konsolidierte Schicht zwischen den Wissensbeständen einer Organisation und ihrer Entscheidungsfähigkeit, deren Fehlen Teil I diagnostiziert. Kanonisch: Definition 4.1.
Formalkern
Claim. Die kleinste selbständige Wissenseinheit des Bestands: eine einzelne, zugeschriebene Aussage über die Organisation mit Herkunft, Gültigkeitsstatus und Verantwortlichem. Für Ziele und Vorgaben wird zusätzlich ein Typ geführt (descriptive, normative, target), damit normative Setzungen nicht wie Tatsachenbehauptungen behandelt werden (Kapitel 9.3). Kanonisch: Definition 7.1.
conflict_record. Der normalisierte Datensatz, der entsteht, wenn zwei Claims einander widersprechen; er hält Beteiligte, Widerspruchsart und Auflösungsstatus fest. Kanonisch: Definition 7.2.
gap_record · Ausgewiesene Leerstelle. Der geführte Nachweis einer erwartbaren, aber in keiner angebundenen Quelle dokumentierten Aussage – der weiße Fleck der bisher nicht organisierten Organisation, mitunter ohne benennbaren Verantwortlichen. Zwei Erkennungsniveaus: schemainduziert (ein vorhandener Referenzrahmen erwartet den Claim; Self-Understanding) und intelligenzinduziert (die Erwartung wird neu abgeleitet; Organizational Intelligence). Kanonisch: Definition 7.4; Indikatoren (Leerstellen- und Schließungsquote) als Forschungsmetrik geführt, nicht im Messkatalog von Kapitel 10.
Vier-Zonen-Review. Das Review-Verfahren, das jeden offenen Konflikt einer von vier Zonen zuordnet und so menschliche Entscheidung mit maschineller Nachhaltung verbindet. Kanonisch: Definition 7.3.
Ontologie. Ein formales, maschinenlesbares Begriffsmodell, das festlegt, welche Arten von Aussagen es gibt und wie sie zusammenhängen. Definition für Nicht-Techniker: das gemeinsame Vokabular, das Maschinen und Prüfer gleichermaßen lesen können – die Voraussetzung dafür, dass Selbstauskünfte prüffähig statt nur lesbar sind (Kapitel 2 und 14).
Messung und Beweis
Baseline (Basiswert-Erhebung). Die Messwoche nach Kapitel 10, in der eine Organisation ihre Ausgangswerte je Metrik erhebt, bevor sie eingreift.
Evidenz-Stufenmodell. Die in Kapitel 11 eingeführte Skala für die Belastbarkeit von Belegen (von der Einzelbeobachtung bis zur kontrollierten Vorher-nachher-Messung); die vier Fälle dieses Buchs stehen auf Stufe 2.
Proof of Understanding. Der Nachweis, dass ein konsolidierter Bestand eine konkrete Frage der Organisation korrekt und belegbar beantwortet; Gegenstück zum Proof of Concept (POC), der nur technische Machbarkeit zeigt (Kapitel 11).
Reifegradstufen. Das vierstufige Selbstverortungsmodell aus Kapitel 12 (fragmentiert → dokumentiert → konsolidiert → selbstentwickelnd); konstruiert, Validierung offen (Herausforderung H8).
Standards und Governance
Jeder Eintrag: erst Definition für Nicht-Techniker, dann Fachdefinition. Ausführlich in Kapitel 14.
BSI — Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik. Nicht-technische Stakeholder: die deutsche Behörde, die festlegt, wie sichere und prüfbare IT auszusehen hat. Fach: nationale Cyber-Sicherheitsbehörde; Herausgeberin der A5-Architektur.
A5 — AI Audit and Assurance Assessment Architecture. Nicht-technische Stakeholder: der Bauplan des BSI dafür, wie der Einsatz von KI in Organisationen künftig geprüft wird. Wichtig für jeden, der KI-Ergebnisse verantworten muss, nicht nur für Techniker. Fach: Prüfarchitektur des BSI für KI-Systeme mit gestuften Prüftiefen und maschinenlesbaren Nachweisformaten.
CADA — Cloud and AI Development Act. Nicht-technische Stakeholder: ein europäischer Gesetzesvorschlag, der Cloud- und KI-Infrastruktur danach einstuft, wie unabhängig sie von außereuropäischem Zugriff ist. Er macht den Speicherort von Unternehmenswissen zur Chefsache. Fach: Verordnungsvorschlag der EU-Kommission zur Souveränitätseinstufung; Status: im Verfahren, Beobachtung als Herausforderung H7.
EU AI Act. Nicht-technische Stakeholder: das bereits geltende europäische KI-Gesetz, das Pflichten nach Risiko der Anwendung staffelt. Fach: Verordnung (EU) 2024/1689; Anschlussstellen zum Bestand in Kapitel 14.
AI-BOM — AI Bill of Materials. Nicht-technische Stakeholder: die Zutatenliste eines KI-Systems: welche Modelle, Daten und Komponenten stecken darin. Fach: strukturierte Stückliste für KI-Systeme als Nachweisbaustein in Prüfverfahren.
OSCAL — Open Security Controls Assessment Language. Nicht-technische Stakeholder: ein Dateiformat, mit dem Sicherheits- und Compliance-Nachweise von Maschinen gelesen und geprüft werden können statt von Menschen abgeheftet. Fach: NIST-Standardformat für maschinenlesbare Kontroll- und Nachweisbeschreibungen; Anschlussformat für Herausforderung H6.
Betreiber-Attest. Nicht-technische Stakeholder: die Selbsterklärung eines Betreibers, dass sein System die zugesagten Eigenschaften hat (künftig zunehmend maschinenlesbar gefordert). Fach: attestierte Selbstauskunft im A5-Kontext; im Modell dieses Buchs eine Abfrage auf den unter Governance geführten Bestand statt eines Stichtagsdokuments.
Abkürzungen aus den Fallstudien und der Praxis
| Kürzel | Bedeutung |
|---|---|
| POC | Proof of Concept – Machbarkeitsnachweis |
| MRO | Maintenance, Repair and Overhaul – Wartung, Reparatur und Überholung (Luftfahrt) |
| EASA | European Union Aviation Safety Agency – europäische Agentur für Flugsicherheit |
| GMP | Good Manufacturing Practice – gute Herstellungspraxis (Pharma) |
| SOP | Standard Operating Procedure – Standardarbeitsanweisung |
| ISO/TS 22163 | Qualitätsmanagement-Standard der Bahnindustrie |
| SPEM | Software & Systems Process Engineering Metamodel – Prozess-Metamodell der OMG |
| OMG | Object Management Group – Standardisierungskonsortium |
| S/4HANA | ERP-Produktgeneration der SAP |
| BPM | Business Process Management – Geschäftsprozessmanagement |
| KM | Knowledge Management – Wissensmanagement |
| EA | Enterprise Architecture – Unternehmensarchitektur |
| HRO | High Reliability Organization – Hochzuverlässigkeitsorganisation |
| LLM | Large Language Model – großes Sprachmodell |
| CFO | Chief Financial Officer – Finanzvorstand |
| CIO | Chief Information Officer – IT-Vorstand |
| CRM | Customer Relationship Management – System für das Kundenbeziehungsmanagement |
| ECM | Enterprise Content Management – System zur Verwaltung von Dokumenten und Inhalten |
| CAQ | Computer-Aided Quality – rechnergestütztes Qualitätsmanagementsystem |
| SECI | Socialization, Externalization, Combination, Internalization – Wissenskonversions-Modell nach Nonaka/Takeuchi |
| IEEE | Institute of Electrical and Electronics Engineers – Fachverband und Herausgeber |
| NASA | National Aeronautics and Space Administration – US-Raumfahrtbehörde |
| BCCRT | British Columbia Civil Resolution Tribunal – Zitierkürzel der Entscheidungen dieses kanadischen Tribunals |
| MIT | Massachusetts Institute of Technology – hier als Verlag (MIT Press) |
| Portable Document Format – Standard-Dokumentenformat |
Notations-Präfixe der Beispiele
MA. Präfix für Claims aus dem durchgehenden Beispiel "Muster AG" (etwa MA-0412); eingeführt in Kapitel 7.
CR. Präfix für conflict_records (etwa CR-0087); eingeführt in Kapitel 7.
ID. Identifikator: die eindeutige Kennung einer Wissenseinheit im Bestand.
